— 1 — Auftakt

Aufmerksamkeit & Entrümpelung

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Auftakt. Wenn man den Blick hebt und ins All schaut, sieht man: irgendwas. Niemand weiß, was das dort oben ist, auch die mit den längsten Fernrohren, kompliziertesten Kameras, glitzerndsten Spiegeln, saubersten Auffangschüsseln, raffiniertesten Radioteleskopen, weitreichendsten Flugkörpern, aufnahmefähigsten Strahlungsdetektoren und größten Rechenmaschinen nicht. Sie verteilen tausende von Namen, Definitionen und Formeln für das, was sie sehen, messen und berechnen – es hilft nichts. Das Universum schweigt, und alles, was eine zeitlang sprechen kann, wie die Bewohner des Planeten Erde, kommt aus diesem Schweigen und wird dorthin zurückkehren. Die Vermutung liegt nahe, daß die sich zu Gebirgen aufwerfenden Begriffsanhäufungen und Umschreibungen dazu gedacht sind, jenes immer anwesende unangenehme Gefühl der Ahnungslosigkeit zu verdecken. Wenigstens das Gefühl. Das Unwissen selbst läßt sich bekanntermaßen nicht zum Verschwinden bringen.

Außer mit Ahnungslosigkeit müssen wir uns auch noch mit Ausgeliefertsein herumschlagen, auch: Ausgeliefert-Sein. Ausgeliefert dem, was aus dem großen All auf uns niederkracht. Meteoriten zum Beispiel, oder Religion. Kaltes Rauschen und schwarzes Licht, oder: weißes Rauschen und kaltes Licht. Wir wissen nichts von diesem Durcheinander dort oben und müssen doch damit fertig werden, daß schwergewichtige Bruchstücke und andere herumfliegende Abfälle von sonstwoher uns totschlagen können. Wir schauen tief in dieses All-Dings hinein, aber was zurückkommt, ist nicht ein ebenso freundlich-forschender Antwort-Blick, der auf uns gerichtet wäre, sondern allerhand im Schutze feiger Anonymität geschmissene steinerne und spirituelle Rücksichtslosigkeiten, die in ihrer Substanz härter sind als wir und deshalb lebensgefährlich für uns.

 

Wahrscheinlich sind wir der Quarantäne-Planet, der Ort, auf den verschafft wird, was an allen anderen Orten in diesem Einheitsganzen als unzumutbar gilt. Wir sind brutal, wir sind giftig, wir sind von allerhand Wahnhaftigkeit befallen, und wir haben ansteckenden Krankheiten; deshalb mußten und müssen wir vom Rest des Univers isoliert werden. Und das führt uns zur nächsten Gnadenlosigkeit, zu der evidenten Selbsterkenntnis: Wir verwirren uns mit unseren eigenen Spekulationen. Man könnte daraus schließen, daß es die innerste Bestimmung des Planeten Erde ist, sich selbst zu zerstören. So wären wir, die Bewohner, Bearbeiter und Beender dieses Planeten, nur die dumpfen Ausführenden eines Plans, dem die geniale Idee der sich selbst verbrauchenden Müllhalde zugrunde liegt. Das wiederum bedeutet: wir werden das uns ausgrenzende All nicht los, und das All wird uns nicht los, weil es, zumindest vorläufig, ohne Müllhalde nicht auskommt. Es kann uns nichts anhaben, es sei denn, es hätte eine Neigung zur Selbstverschmutzung, gar Selbstverletzung. Was ziemlich unwahrscheinlich ist.

So gesehen ist das Nichtverstehen des Weltalls eher ein Glücksfall. Wer will denn bei all diesem nicht gerade vorbildlichen Verhalten auf, über und zwischen den unzähligen Sternen ernsthaft wissen, wer wer ist und von wem abstammt, was was ist und wozu fähig, und wer gerade was im Schilde führt oder bereits ausführt? Nicht nur dem klugen Lars Gustafsson (dem eindeutig klügsten aller möglich gewesenen Lars Gustafssons) ist aufgefallen, daß das Universum kein Zuhause ist, für niemanden: »Ich bin nie so klug gewesen wie damals. Ich wußte, wie fremd ich war, aber ich wußte auch, daß die anderen genauso fremd waren. Im Universum ist niemand zu Hause.« (*)

In diesem Zusammenhang, gemeint ist die höchstmöglich zu erreichende Klugheit, ist es mehr als nur bemerkenswert, daß zu den Zeiten des anthropozentrischen Weltbilds der sich für das größte und beste Vorkommnis im Universum haltende Mensch eigentlich ganz anständig benommen und so gut wie nichts an seinem Lebensraum kaputt gemacht hat. Außer dem bekannten Fressen und Gefressen-Werden und dem Töten und selber zum Töten freigegeben sein, kann man uns da kaum Vorwürfe machen. Während heute, nachdem wir uns aus dem Mittelpunkt der Welt hinausargumentiert haben und uns inzwischen ganz unzweideutige Nichtigkeit attestieren, die Hybris wächst und wächst und wächst. Die Messungs- und Berechnungsfanatiker Kopernikus und Galilei sind seit ihrem Auftreten zig-mal korrigiert worden, und doch möchte keiner ihrer peniblen Nachmesser und Neurechner das Irreale in der ganzen Sache erkennen. Man begibt sich ins Unendliche, erkennt sich darin als Staubkorn, als Belanglosigkeit, und versucht dann, aus Trotz gegen die selbst herbeigeführte Kränkung des Selbstbildes eine Eigenrehabilitation zu starten, indem man behauptet, sich diesem Unendlichen durch immer umfangreichere Messverfahren und immer weiter ausufernde Mathematik zu nähern und es bald sogar zu verstehen. Danach bleibt nur eine zu lösende Aufgabe übrig: den Urknall noch einmal herzustellen und unser eigenes Universum zu erschaffen. Eine zweite Version des bereits vorhandenen, eine zweite Ur-Fiktion. Darauf geht es hinaus.

 

Jeder kennt das: die Gedanken fliegen frei durch den Weltraum, aber dann knallen sie gegen die Innenwand der Hirnschale und werden von dort zurückgeschleudert. Das All, von dem wir nichts wissen, unser Unwissenheits-All also, ist nicht unendlich, es ist exakt so groß und umfangreich wie unsere Kopfbegrenzung, keinen Millimeter größer, und wir sind die Knallköpfe, die den Ur-Knall in sich selbst hören, denn genau dort hat er stattgefunden, und wird er erneut stattfinden. Dieses "WIR", das wir auf uns und den vermenschlichten Planeten anwenden, ist eine Kombination aus antrainierter Wichtigtuerei und ausgeklügelter Unschlagbarkeit. Je genauer unsere Messungen werden, desto aufgeblasener unsere Vermessenheit. Die Arroganz des einstigen anthropozentrischen Wahns ist winzig, verglichen mit unserer heutigen Arroganz, die sich in schamloser Selbstvergrößerung und absoluter Eigenmächtigkeit breit macht. Nicht das All dehnt sich aus, wir dehnen uns aus. Das macht die überwältigende Mehrheit von uns zu Schwätzern und eine kaum sichtbare Minderheit zu Schweigern. Die Vielen plappern alle Schrecken in einem Endloswortschwall, den wir Mythologie, Literatur, Philosophie, Theologie oder Wissenschaft nennen, aus sich hinaus; die Wenigen sammeln so viele Schrecken verschwiegen in sich an, bis sie darin ersticken. Wir können dem klugen Lars Gustafsson also zustimmen und folgen: unser Gehirn ist kein Zuhause, für niemanden.

 


(*) [Lars Gustafsson: Der Tod eines Bienenzüchters — Aus dem Schwedischen von Verena Reichel — München: Hanser Verlag, 1978 — Seite 159-160 / Kapitel: Memoiren aus dem Paradies]

 


© 2016 / Felix Hofmann