Mond und Knochen vor der Tür

Mond und Knochen vor der Tür

(Arthur Fauser: Bilder, 1948 - 1987 / Ausstellung im Karmeliterkloster Frankfurt 5.3. - 4.4. 1988)

 

 

"Ostereier?" fragt die Dame im Rotfuchs, umstellt von soviel Sturm und Tod, verunsichert, ihr klügerer Begleiter hat es nach einem schnellen Blick in den Raum vorgezogen, gleich an der Schwelle wieder kehrtzumachen: hier sind sie falsch, die netten Nestüberraschungen sind in einem anderen Kloster versteckt. Dominikaner oder Karmeliter, mein Gott, das kann passieren. Es passiert vielen: und die sehen dann zu, daß sie Land gewinnen.

Arthur Fauser hat ernst gemacht, an diesen Wänden, vom ersten Bild an. 'Frau im Sarg', 1948, doppelköpfiger Tod, Gesichtszüge in Stein gekratzt. Auf dem rechten Flügel des Triptychons 'On the Road', 1968, hält sich ein körperloser Fetzen Hemd den Sarg wie einen Spiegel vor, aus dem der Anblick einer Leiche fällt. 'Drei Weiber am Meer', 1969, schwarzverhängtes Trio, kauernde Krähen voller Klage. 'Blick in die Luke', 1970, graues Gewimmel von Leibern. In den letzten Jahren türmen sich die Tode, die erinnerten aus dem Krieg: 'Ein Held', 1984, dem grüngrau bandagierten Schädel ein deutliches Stück herausgeschlagen, und der gerade erlebte des Sohnes: fünf Bilder aus dem Zyklus 'Jörgs Tod', 1987, gelbgrüner Körperwirbel im schwarzen Strudel, ausgefranste Rippen, vernichtendes Räderwerk, Verwesung flattert auf, noch mehr Grau. Noch mehr Schwarz.

Noch mehr Zerstörung, Schmerz durch die Jahre: Fauser kommt selten ohne ein gutes Quentchen Qual aus. Der Schrecken muß nicht einmal thematisiert sein, er bricht auch aus unverdächtigen Motiven wie dem 'Stilleben mit Tüten und Früchten', 1974, wenn diese Tüten drohend leer sind, er sitzt in dem ausweglosen Schwarz um die bunten Kürbisse. Und über der grau-grün-schwarzen Landschaft 'An der Etsch', 1970, klafft eine brennend orange Sonne. Verlassene Zimmer, verhüllte Möbel. 'Das Paar', 1985, sitzt durch die ganze Breite des Bildes voneinander getrennt. Und überall, selbst beim 'Liebespaar an der Seine', 1955, oder bei 'Diana und Aktäon', 1973, häufen sich die Knochenbündel, Glieder, hingeschüttet wie Brennholz, als solle der Glaube an die Welt verfeuert werden. Und wenn es schon im Titel so programmatisch bläst wie in 'Die letzte Promenade', 1985, ist alles zu spät: in die violette Dämmerung bohren sich gerade noch ein paar Baumskelette, ein Mann, eine Frau: verbogene Körper, einer Bank aufgerenkt, zu nichts mehr zu gebrauchen.

Faulende Finsternis, wohin man schaut, rechtwinklig abgeknickte Köpfe, in jeder Ecke riecht es nach Staub und Vergänglichkeit. "Bedenke, o Mensch...". Mahnmale. Wolfgang Borchert hatte was zu sagen nach dem Krieg, und das hat er getan, nicht gut, aber laut und deutlich: und aus genau dem Klotz sind auch Fausers Aussagen geschnitzt, grob und deutlich, damit sich keiner an der Moral von der Geschichte vorbeidrücken kann. Es gibt auch bloße pathetische Gesten, Mißgriffe, wie die 'Nächtliche Brise' 1975, ein offenes Fenster, ein gebäumter Vorhang, vorn auf dem kleinen runden Tisch ein großes Messer und hinten zerklüftetes Gebirge. Schulmädchen-Dramatik. Oder die 'Finnische Herbstnacht 1941', 1987, Vollmond, dürre Astgabel und einer dieser verzerrten Toten mehr. In wievielen Schullesebüchern haben Darstellungen solcher Art pflichtbewußt ihre Runden gedreht.

Die bunten Verschachtelungen, das graue großflächige Gewürfel der frühen Bilder ist mit der Zeit immer weiter zersprungen, in immer kleinere Splitter, spärliche Farbscherben in heilloser Dunkelheit, schmutzig, verrußt, und am Ende viel Verwischung und fasrige Striche. Das sieht auf 'Zeit der Verwandlung', 1987, aus wie Schmetterlingsschuppen unter dem Mikroskop, Schieferstaub, man darf nicht zu tief ausatmen, nicht zu dicht ran. Das darf man, auch aus anderen Gründen, bei keinem der Gemälde, zu dicht ran: dann löst sich die starke Einheit des Entsetzlichen in schwache Einzelheiten auf. Den Werken fehlt die Wut, die Verwüstungen, die sie vor Augen führen, zu Verwünschungen zu ballen. Gegen wen auch? Fauser klagt, er klagt nicht an. Es gibt keinen Verantwortlichen. Wolfgang Borchert, wie gesagt: "Aber er hatte keinen, dem er dafür die Fäuste ins Gesicht schlagen konnte."

 

 

© 2016 / ingrid mylo