Aufmerksamkeit & Entrümpelung

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Metier. Der Mensch, das endliche Wesen mit Ansprüchen an die Unendlichkeit. Schon diese Konstellation ist verrückt und zeigt, wie tief ins Irre die ganze Sache gegangen ist. Die Konsequenzen sind noch viel verrückter. Wir machen unseren Planeten – unseren Lebensraum, unser Raumschiff – kaputt. Das entspricht ziemlich genau dem Prinzip Endlichkeit, dem wir unterliegen. Gleichzeitig flüchten wir uns, hauptsächlich mittels diverser Religionen, Wissenschaften und anderer Hirngespinste, in eine Unendlichkeit, die unsere Rettung vor der profanen Endlichkeit bewerkstelligen soll.

Daß das eine mit dem anderen zu tun hat, daß das eine ins andere hineinführt, daß das eine die Voraussetzung für das andere ist – das möchte niemand hören noch wissen, schon gar nicht Theologen oder Philosophen, die doch dafür zuständig sind. Der Unendlichkeitsschwurbel ist der Urgrund aller Selbstzerstörungsaktivitäten, denn wer sich für unendlich hält, braucht sich um die Zerstörung des eigenen Lebensraums nicht zu sorgen. Es wartet ja noch was auf ihn, und sogar was besseres als das Hier und Jetzt und Demnächst. Kein Tier behandelt seinen Lebensraum so, daß er bis zur Unbrauchbarkeit, Unbewohnbarkeit, Unvererbbarkeit deformiert wird.

Welterfahrung / Weltabwehr; Weltvertrauen / Weltmißtrauen; Weltwahl / Weltabwahl; Weltfreude / Weltschmerz – darum soll es hier gehen, hin und wieder, nicht täglich, aber doch kontinuierlich. Um auf andere Mitteilungen und Redensarten zu kommen, kann man die "Welt" auch streichen aus diesen Zusammensetzungen. Die Sätze, aus den die Welt gestrichen ist, sind in der Regel Ich-Sätze. Das Ich wird zuerst durch Aufmerksamkeit gesetzt, dann durch Sprechen. Aufmerken heißt: Anstoß nehmen. Das Gegenteil wäre Gewöhnung, Hinnahme. Nicht mal an meine Bücher in den Regalen gelingt mir eine Gewöhnung, obwohl sie dort Jahre und Jahrzente verbringen. Unaufhörlich folgen Umsetzungen, Abschaffungen und Erneuerungen aufeinander.

 

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Behauptung, Anklage, Forderung, Täuschung, Beweisführung, Wutausbruch, Predigt, Kommentar, Urteil, Fluch, Vorhaltung, Verhör, Selbstgespräch, Gegenrede, Telegramm, Beschimpfung, Irreführung, Legende, Selbstbezichtigung, Wortbruch, Epitaph – das sind frei verfügbare Stilarten des Sprechens und Schreibens. Ausgelöst von all dem physischen und metaphysischen Gezappel in Körper und Geist, mit dem man sich irgendwie arrangieren muß, insbesondere: dem nervösen Rechenfieber, der fliegenden oder bleibenden Unverstandshitze, dem alleserduldenden Empörungseskapismus, dem festsitzenden Sprachlosigkeitshusten, der unreflektierten Tiefschlafmetagnomie oder den schicksalhaften Phantomgefühlen, die wir Denken nennen.

Schiffsmeldungen vom Raumsegler Erde, der (angeblich seit Jahrmillionen) in einem Flautenloch steckt und nicht vom Fleck kommt, auf der selben Stelle dümpelt, und dessen Besatzung sich dennoch tiefste Sorgen um etwaige Schiffbrüche macht. Nachrichten, Schilderungen, Erzählungen, Seemannsgarn. Die Sprache, trotz ihrer beigegebenen Losigkeiten, ist das Metier. Es geht ja nicht anders: »... man muß weitermachen, ich kann nicht weitermachen, man muß weitermachen, ich werde also weitermachen, man muß Worte sagen, solange es welche gibt ...«. (*)

Erzählen ist so ein Weitermachen. Wir erzählen uns gegenseitig Geschichten, Ereignisse, Erfindungen, weil wir nicht mit uns und nicht mit unserem Leben klarkommen. Wir erzählen, um uns und unser Leben zu klären. Wir erzählen aus einem Defizit heraus. Weder Religion noch Wissenschaft noch Philosophie können das Defizit ausgleichen. Nur Erzählen hilft. Es geht nicht ums Ich-Sagen. Nicht der Erzählende ist die Geschichte, nicht der Singende ist das Lied – die Sache selbst ist ihr eigener Zwang, und sie läßt Vielstimmigkeit zu.

 

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Es gibt Sätze, in denen ist das Ich erledigt, das aller, oder erledigt sich selbst, das eigene. Ich nehme an, das ist das Alleinsein in der Sprache, dem Beckett zustimmte und das er zugleich hasste. Es ist eine Plage und doch ein Zustand ohne Beklemmung.

Zu sagen, was man meint, und zu meinen, was man sagt. In einer korrupten Gesellschaftsordnung ist das die höchste literarische Feinsinnigkeit / Scharfsinnigkeit / Raffinesse / Subtilität / Klarheit, die man erreichen kann. Ich glaube, Edward Abbey hat das gesagt. Abbey, ja. Der Gegenentwurf zu Beckett. Oder genau das nicht.

Erkennen, Begreifen, Verstehen, Verarbeiten — das ist der beste Rausch, den das organische Leben zu bieten hat. Die anderen Rauschzustände, die aus Hilfsmitteln wie Drogen, Alkohol, Gewalt oder Macht kommen, können da nicht mithalten. Es ist nicht schwer zu verstehen, daß jeder für sich selbst einstehen muß. Auch im Rausch. Das in die bergige Welt gerufene, gebrüllte oder gejodelte Ich ist das aufblasbare Ich. Zurück kommt es als vorhersagbares Echo und verhallt in zwanghaften Wiederholungen, denen sehr schnell die Luft ausgeht. Die hohe See dagegen ist pure Erzählung; ohne Halt, ohne Netz, frei von Geschwätzigkeit und ebenso frei von Trost; sie gibt kein Echo.

 

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Bücher sammeln Staub, und sie sind eins vom anderen abgeschrieben. Das macht die Luft in Bibliotheken noch stickiger als sie ohnehin ist. Des Lebens Überdruß führt zwischen die Bücher, und des Lesens Überdruß führt wieder zurück in das, was wir in unserem Gesprochenen und Geschriebenen gleichermaßen Wirklichkeit nennen. Daß zwischen Büchern und Wirklichkeit eine Feindschaft besteht, kommt vor, kann aber nicht als Legitimation in Anspruch genommen werden, das eine zugunsten des anderen, oder umgekehrt, ein für allemal fallen zu lassen. Die Feindschaft kommt aus beiderseits gepflegter Überheblichkeit. Die Bücher wollen authentischer sein als die Wirklichkeiten, und diese authentischer als ihre Schrift gewordene Durchdringung, mit der die Unheimlichkeit des Realen abgemildert werden soll. Von solcherlei Pseudokonkurrenz abgesehen gilt ganz un-unheimlich: Bücher machen kurzsichtig und lahmarschig, und die Wirklichkeit macht dumm und unglücklich. Schon wieder ein Dilemma, und schon wieder gibt es kein Entkommen. Was wiederum ein hingeschriebener Satz ist, der anders als hingeschrieben gar nicht Wirklichkeit werden, sein und bleiben kann.

Daß ich etwas aufschreibe, heißt nicht, daß ich einen einigermaßen hinlänglichen Gedanken hatte, der mir aufschreibenswert erschien. Es heißt nur, daß ich hin und wieder meine Faulheit gegen das Aufschreiben ablege.

 

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Mahnung, eindringliche Mahnung, letzte Mahnung – diese in Selbstmitleid und Wehleidigkeit schwelgenden Stilmittel sind verbraucht. Sie erzeugen nur noch Müdigkeit. Was bleibt, ist die einfache Festellung: wir machen dem Planeten ein Ende. Wir haben offensichtlich nichts anderes mehr zu tun. Da wir es sowieso machen, sollten wir es nicht blind tun sondern sehend, nicht nebenbei und nebenher sondern hauptberuflich, nicht in Verleugnung, Verdrängung und Verblendung sondern bei klarem Bewußtsein. Alle Gefahren, alle Ungereimtheiten, alle unauflöslichen Feindschaften, alle Abgründe, alle diametralen Widersprüche, alle Verunreinigungen, alle Zeitsprünge sind mir willkommen; sie halten die Neugier und Aufmerksamkeit wach.

Klares Bewußtsein heißt klare Sprache. Entrümpelungen sind ein probates Mittel gegen Müdigkeit, und Selbstentrümpelung ist das letzte noch zu erkundende Neuland. Vom Meer aus gesehen.

 

 

(*)   [Samuel Beckett: Der Namenlose — Deutsch von Elmar Tophoven — Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1959 — Seite 270-271]

 

 

© 2017 / Felix Hofmann